Gesellschaft

Amazon, Burger King oder Zalando – Wie gehen wir mit Skandalen um?

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Wem kann man eigentlich noch trauen? Hinter welcher Fastfood-Kette, welchem seriösen Spendenverein, welchem beliebten Onlineshop brodelt es womöglich noch heimlich voller Ungereimtheiten, welche wir morgen schon präsentiert bekommen? Wer sorgt als Nächstes für negative Schlagzeilen und bringt unser Bild einer gutmütigen Welt weiter ins Wanken?

Nach den letzten Lebensmittelskandalen und schockierenden Berichten um diverse Modekonzerne, Automobilclubs und Social Media, kam mir die Idee, hier im Mama Blog mal eine Liste mit den kleineren und größeren Skandalen, die uns Alle mehr oder weniger betreffen (bzw. betroffen haben) aufzuführen, und zwar von A-Z. Es fiel mir erschreckend leichter als gedacht und so will ich dir die kleine Zusammenfassung nicht länger vorenthalten.

A wie Amazon (Mitarbeiter aus Nah und Fern, die unfair behandelt werden sollen)
B wie Burger King (Vorwurf von unhygienischen Zuständen; Mitarbeiter, die ausgebeutet werden sollen)
C wie C&A (Näherinnen, die Hungerlöhne für ihre Arbeit bekommen sollen)
D wie Deutsche Bank (Manipulation des internationalen Referenzzinssatzes soll stattgefunden haben)
E wie Energy Drink („Monster“ im Verruf, Schuld am Tod von 5 Menschen zu sein)
F wie Facebook (Datenschutzskandale ohne Ende)
G wie Gelbe Engel (Der ADAC soll bei der Pannenhilfe angeblich eigene Mitglieder benachteiligen, Hubschrauberflüge sollen zu privaten Zwecken stattgefunden haben)
H wie H&M (angebliche Hungerlöhne in der Textilproduktion; Mitarbeiter vor Ort, die unter Tarif bezahlt werden sollen)
I wie Internet (täglich erbeuten Hacker Millionen E-Mail-Daten)
J wie Jugendamt (Immer wieder gibt es Vorwürfe von Aktenmanipulationen und Kindeswohlgefährdung bei vielen Jugendämtern)
K wie Katholische Kirche (2013 Skandal um sexuellen Missbrauch)
L wie Lasagne (Skandal um Pferdefleisch in vielen Nudelgerichten 2013)
M wie McDonalds (Gentechnisch verändertes Fleisch soll verarbeitet worden sein)
N wie NSA (Überwachungs- und Spionageaffäre)
O wie Olympia (Dopingskandale, die immer wieder Sportspektakel überschatten)
P wie Pharmaindustrie (unzählige Fälle, wie Dioxin in Hühnereiern)
Q wie Qualvolle Tierhaltung (nicht nur bei namhaften Herstellern wie „Wiesenhof“ ein Aufreger)
R wie Rechtsradikale (Ausländerfeindlichkeit in vielen Städten und Herzen Deutschlands)
S wie Steuerhinterziehung (nicht nur Alice Schwarzer und Uli Hoeneß wurden dafür angefeindet)
T wie Transparenz in Lebensmitteln (Versteckte Zucker, kein klares „Ampel“-System. All das sorgt für Unmut bei den Deutschen)
U wie Unicef (2008 Skandal um Spendenveruntreuung)
V wie VW (Aus der Firmenleitung des Konzerns heraus sollen Mitglieder des Betriebsrates besondere Zuwendungen erhalten haben.)
W wie Wulff (dem ehem. Bundespräsidenten wurden Kredit- und Medienaffären nachgesagt)
X wie Xerox (Bilanzskandal um Kopiergerätehersteller Xerox Ende der 90er)
Y wie YouTube (immer wieder gibt es Skandale um diverse Sex- und Alkoholvideos)
Z wie Zalando (Mitarbeiter sollen überwacht worden sein und zu Hungerlöhnen arbeiten)

Mich macht diese Liste nachdenklich. Es ist schon erschreckend, mit welchen Ärgernissen und Eklats wir uns beinahe täglich auseinandersetzen müssen. Und ständig kommen Neue hinzu. Unsere Gesellschaft scheint vor nichts mehr zurückzuschrecken, keine Skrupel mehr zu haben. Hauptsache das Geld stimmt, das Ansehen ist gesichert und der Markt funktioniert. Die Menschen, die Tiere, die Natur, die dahintersteht – all das scheint dabei komplett überfahren zu werden. Friss oder stirb, Hopp oder Top, Glück oder Pech, Schwarz oder Weiß.

Wo ist die Menschlichkeit, nach der wir uns so sehnen? Wie kann es sein, dass asiatische Kinder unsere Kleidung, unsere Smartphones für einen Hungerlohn anfertigen müssen? Hühner und Schweine dicht gedrängt im Dunkeln und voller Panik ihr Dasein fristen, obwohl die Mehrheit der Deutschen für eine artgerechte Haltung appelliert? Wieso werden immer noch so viele Menschen unter Tarif bezahlt obwohl sie sich und ihre Familie ernähren müssen? Eigentlich müsste sich doch in einer Zeit der medialen Aufklärung vielversprechend etwas ändern.

Stattdessen beschleicht mich langsam aber sicher das Gefühl, dass wir Zuschauer vor dem Fernseher immer schneller abstumpfen, wenn wir empörende Schreckensmeldungen hören. „Burger King verkauft abgelaufene Lebensmittel? Skandal! Aber morgen gehen wir alle wieder hin.“ „Amazon und Zalando behandeln ihre Mitarbeiter unter ihrer Würde? Wie können die nur! Aber auf den schnellen Lieferservice möchte ich trotzdem weiterhin nicht verzichten.“ Warum ist das so?
Versteh mich nicht falsch. Ich möchte Niemanden anklagen. Ich selbst kaufe auch regelmäßig bei C&A Kleidung für Mini und Maxi, liebe nach wie vor den „Junior Whopper“ von Burger King und genieße hin und wieder den Komfort einer Amazon-Lieferung.

Skandale rütteln erst einmal wach! Da ist man schnell dazu geneigt, sofort Konsequenzen zu ziehen. Als der Rinderwahnsinn bei McDonalds vor einigen Jahren ausgebrochen war, schwor sicher halb Deutschland, nie wieder in einen Burger zu beißen. Auch ich legte diesen Schwur ab und schaffte es immerhin, einige Monate meiner Jugend gesünder zu essen. Aber irgendwann verpufft die Schreckensnachricht auch wieder. Dann redet Keiner mehr über vergammeltes Fleisch oder überwachte Mitarbeiter. Und Alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Das ist vielleicht der größte Skandal von Allen. Vielleicht ist es aber auch nur eine natürliche Konsequenz.

Denn ich gehe sogar so weit und behaupte, dass man sich mit der „Ab jetzt ALLES anders machen“-Methode unrealistische Ziele setzt. Nie wieder einkaufen wo den Arbeitern Hungerlöhne gezahlt werden? Okay, fang am Besten an, deine Jeans demnächst selbst zu nähen, vergiss aber auch nicht, die Baumwolle dafür im eigenen Gewächshaus anzupflanzen. Um verseuchten und völlig gentechnikfreien Lebensmitteln aus dem Weg zu gehen, solltest du am Besten auch sofort das Gemüse nur noch im Garten anbauen. Hoffentlich wohnst du dazu auch nicht zu nah an der Straße, wo es vor giftigen Abgasen nur so wimmelt! Du verstehst, worauf ich hinaus will?

Fakt ist, dass es kaum ein Unternehmen gibt, das eine blütenreine Weste besitzt. Das kennen sicher die Meisten vom eigenen Arbeitsplatz. Auch in der kleinsten Firma kann es Mobbing, unfaire Löhne oder schlechte Arbeitsplatzbedingungen geben. Wer also nur blind einem skandalträchtigen Unternehmen den Rücken kehrt, weil er meint, woanders ginge es besser zu, der irrt womöglich. Als vor ein paar Monaten an die Öffentlichkeit kam, dass die Führungsetage vom ADAC Hubschrauberflüge für private Zwecke genutzt haben soll, wendeten sich tausende enttäuschte Mitglieder vom größten Automobilclub Deutschlands ab. Verständlich, dass sie wütend waren und diese Entscheidung getroffen haben. Wer aber garantiert mir, dass es woanders besser zugeht, nur weil dort (noch) keine Schandtaten an die Öffentlichkeit gedrungen sind?

Ich persönlich glaube, dass man nirgendwo sicher sein kann. Man spendet Kleider oder Geld, ohne zu wissen, ob Beides auch tatsächlich dort ankommt, wo es versprochen wurde. Man kauft seinen Kaffee bei einem scheinbar seriösen Unternehmen, in der Hoffnung, dass von Anbau bis zum Verkauf alles fair verläuft. Beißt genüsslich in seinen Burger, in der Hoffnung, alles wurde nach rechtlichen Maßstäben hygienisch zubereitet. Sicher sein kann man aber nie. Es sei denn, ein Team um Reporter wie Günter Wallraff deckt Missstände auf. Dann hat man es zumindest Schwarz auf Weiß.

Was heißt das jetzt für jeden Verbraucher persönlich? Nie wieder spenden, es könnte ja sein, dass die Gelder im Nirvana verschwinden? Keine Kleidung mehr kaufen, die unter schlechten Bedingungen hergestellt wurde? Womit wir wieder bei der eigenen Baumwollplantage im Gewächshaus und der kompletten Selbstversorgung wären. Überall, wo andere Menschen mitarbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit nun mal groß, dass Missgunst, Geldgier und Unterdrückung herrschen. Wirklich vertrauen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, kann man im Endeffekt wohl nur sich selbst.

Trotzdem finde ich, dass Deutschland ein bisschen mehr Eigeninitiative gebrauchen könnte. Das ist wie wenn man sich weigert, zur Bundestagswahl zu gehen und sich hinterher über die entstandene Koalition beschwert. Nicht, dass wir als Individuum plötzlich die Welt retten könnten, schließlich schließt Zalando morgen nicht seinen Onlineshop, nur weil Sie persönlich ab heute nie wieder dort einkaufen werden. Aber ein bisschen mehr Bewusstsein im Alltag könnte uns Allen sicher nicht schaden. Gut, dann entscheide ich mich eben bewusst dafür, das tolle Kleid bei H&M zu kaufen. Dafür achte ich aber vielleicht darauf, eine Wassersparende Waschmaschine zu besitzen, die die Umwelt schont und dafür etwas mehr Geld gekostet hat. Oder ich kaufe Kinderkleidung auch mal Second Hand. Nehme mal die Bahn statt das Auto. Und wenn ich unbedingt meine Mittagspause bei McDonalds verbringen möchte, könnte ich ja am Wochenende Freilandeier und saisonales Gemüse vom Bauern nebenan besorgen.

Vielleicht kommt es auch auf die innere Einstellung an. Auch, wenn es etwas poetisch, wenn nicht sogar naiv klingt, ist man möglicherweise auf dem richtigen Weg, wenn die Absicht ehrlich ist. Man spendet Geld nach Afrika, um jungen Menschen Bildung und Überleben zu sichern. Auch wenn das leider keine Garantie ist, dass die Spende auch wirklich ankommt. Aber wir handeln mit bestem Wissen und Gewissen. Mehr können wir vielleicht nicht tun. Aber immer noch besser, als gar nichts zu tun. Niemand ist alleine dafür verantwortlich, wie die Welt tickt. Aber wenn Jeder ein bisschen bewusster und nicht nur für sich und seine eigenen Bedürfnisse lebt, sondern auch für ein paar Generationen später mitdenkt, ist sicherlich schon eine Menge getan.

Ein Gedanke zu „Amazon, Burger King oder Zalando – Wie gehen wir mit Skandalen um?“

  1. Kathrin sagt:

    Toller Artikel! Ich bin begeisterte Leserin dieses Blogs und muss einmal ein Kompliment aussprechen. Die Artikel sind immer leicht und flüssig zu lesen auch wenn der Inhalt auch mal schwierig ist. Und es nimmt einen immer mit in die Welt der Autorin. Das Design unterstützt dies noch. Weiter so! Ich freue mich schon auf die nächsten Einträge.

    Kathrin

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