Gesellschaft

„Penis, Mama!“

Es geschah an einer vollen Kasse des örtlichen Supermarktes. Eine Mutter stand mit ihrem Einkaufswagen und zwei Töchtern in der Warteschlange, als die Jüngere, etwa 3 oder 4 Jahre alt, plötzlich laut und deutlich „Penis, Mama!“ sagte. Die Mutter murmelte leise etwas zustimmendes, aber das hielt die Tochter in keinster Weise davon ab, ihr Anliegen diesmal beinahe schreiend zu wiederholen.

„Mama. Peeeenis! Peeenis, Mama!!“ Wieder ein leises Gemurmel seitens der Mutter, der inzwischen sicher jeder Außenstehende ansehen konnte, wie peinlich berührt sie war. Es müssen qualvolle Minuten für sie gewesen sein, bis das Kind endlich genug hatte, seiner Mutter vom männlichen Geschlechtsteil zu erzählen. Dieses Erlebnis im Supermarkt ist nun schon fast drei Jahrzehnte her, aber ich kann mich noch genau an das kleine Mädchen erinnern, das seiner Mutter ewig lange von einem Penis berichtete. Dieses Mädchen war ich.

Ich gebe zu, ich habe mich mit zwei kleinen Jungs zuhause schon öfter mit dem Thema „Kinder und peinliche Momente, die in den nächsten Jahren noch auf mich zukommen werden“ beschäftigt. Die Bandbreite an Fettnäpfchen und Situationen, in denen man rot anlaufend direkt im Erdboden versinken möchte, scheint gigantisch zu sein. Das wissen Alle, die schon mal mit ihrem Kind im vollen Zug „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt haben und krampfhaft versuchten, den fremden Afrikaner unmittelbar gegenüber nicht anzusehen, nachdem das Kind seinen Satz laut hörbar mit „…und das ist schwarz“ beendet hat (und ihn natürlich am Ende auch meint).

Als Außenstehender hat man es leichter. Die Leute in der wartenden Schlange an besagter Supermarktkasse hatten sich vielleicht amüsiert oder gar Mitleid mit meiner Mutter, weil sie genau wussten, wie peinlich Kinder manchmal sein können. Wobei Kinder das ja in der Regel nicht absichtlich sind. Ich für meinen Teil weiß noch ganz genau, dass ich meine Mutter nicht in die Bredouille bringen wollte. Ich hatte das Wort gerade neu bei meiner älteren Schwester aufgeschnappt und fand es einfach erzählenswert. Vielleicht wäre meine Mama schneller der Situation entkommen, wenn sie völlig relaxt mit „Ja genau; Penis.“ geantwortet hätte. Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon?

Heute Morgen auf dem Wickeltisch hat Maxi mich zum ersten Mal beim Öffnen der Windel mit „Das da: Penis!“ überrascht. Vorher hatte ihn sein Geschlechtsteil noch nicht dermaßen interessiert, um wissen zu wollen, wie es heißt. Irgendwer muss es ihm in den letzten Tagen wohl gesagt haben. Noch denke ich nicht, dass Maxi mir demnächst bei EDEKA aus heiterem Himmel davon berichten wird. Aber wer weiß… Unverhofft kommt schließlich oft, wie ich bekanntermaßen aus eigener Erfahrung weiß.

Wie werde ich später in der Öffentlichkeit in unangenehmen Situationen wie diesen reagieren? Ich hoffe, dass ich meine Peinlichkeiten dann hinten anstellen kann, die Leute um mich herum ausblende und vor allem dabei nicht vergesse, meinem Kind die Welt zu erklären. Notfalls auch an der Supermarktkasse. Und wenn es doch nicht klappt mit dem Drüberstehen, reihe ich mich einfach mit hochrotem Kopf in die Schlange der peinlich berührten Muttis ein, die zeitgleich zu Tausenden irgendwo in Deutschland ihrer Kinder wegen im Erdloch verschwinden möchten. Wann stecktest du zuletzt drin?

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