Gesellschaft

Wie fühlt sich Muttersein mit traumatischer Vergangenheit an?

Stell dir vor, du hast dich bei der Feuerwehr gemeldet. Du hast gedacht, es wäre ein erfüllender Job, weil du dich dazu berufen fühlst und obendrein noch etwas Sinngebendes tust. Und alle Feuerwehrmänner und -frauen die du kennst, schwärmen von ihrer Tätigkeit; denn obwohl es ein kräftezehrender Job ist, kriegt man am Ende so viel zurück: Allen voran die Dankbarkeit und Wertschätzung dafür, dass man mit Einsatz seines ganzen Lebens diese Arbeit verrichtet, lässt einen so manchen Stress vergessen.

Als Vorbereitung für dein neues Leben als Feuerwehrfrau trägst du fortan neun Monate lang eine potentielle Brandursache mit dir herum – natürlich nicht im angezündeten Zustand, aber so, dass du dich schon mal daran gewöhnen kannst. Außerdem bekommst du von anderen Einsatzkräften (Hauptsächlich von den weiblichen) schon mal gute Ratschläge und Tipps mit an die Hand und liest dir diverse Handbücher durch, wie man später Feuer löscht oder Katzen vom Baum rettet. Mehr braucht es nicht als Ausbildung. Du fühlst dich nun ziemlich gut vorbereitet!

Je nach Verfassung empfindest du die neun Monate als mehr oder weniger belastend, vielleicht bist du aber auch tiefenentspannt und kannst es kaum erwarten, deinen ersten Einsatz als Feuerwehrfrau anzugehen.

Natürlich ist dir bewusst, dass vor allem am Anfang nach der neunmonatigen Ausbildungszeit viel auf dich zukommen wird: Mehrmalige Einsätze mitten in ein und derselben Nacht, wochenlange Dauerbereitschaft und wenige Zeiten, in denen du mal durchschnaufen kannst, darauf bist du eingestellt. In dem Wissen, dass dieser Zustand nicht ewig währt und er dich auch nicht umbringen wird, sondern lediglich an deine Grenzen bringt, um dir die Möglichkeit zu geben, diese Grenzen frohen Mutes zu erweitern – aber unter diesen Voraussetzungen hast du den Job schließlich gewählt!

Und dann sind die neun Monate rum und dein Ausbilder steht unmittelbar vor dir:

Du bist direkt zur Einsatzleiterin auserkoren worden und musst ein ganz besonders großes Feuer löschen: Ausgerechnet in deinem eigenen Haus brennt es!

Das bedeutet, du hast ab sofort die Hauptverantwortung für den Großbrand und musst nebenbei Glutnester im Auge behalten, die immer wieder zu einem Feuer entfachen können. Da es dein eigenes Haus ist, das brennt, hast du nicht die Möglichkeit wie früher, dort zur Ruhe kommen zu können: Solange das Feuer im Haus ist, kannst du nicht tiefenentspannen, aber dennoch sollst du weiterhin darin wohnen!

Du bist also ab sofort in einer dauerhaften Anspannung, Stresshormone schießen unentwegt durch deinen Körper und dein Puls ist permanent weit oberhalb des Normbereichs. Dein Körpersystem meldet Dauerstress, immer in der Erwartung, die nächste Sirene ertönt jeden Moment, das nächste Feuer bricht in einem anderen Raum aus.

Wenn du Glück hast, hat dir die Feuerwache ein paar Einsatzkräfte zur Seite gestellt, die dich regelmäßig oder zumindest ab und zu unterstützen – aber die Hauptverantwortung kann dir als Einsatzleiterin keiner abnehmen.

Ab und zu erscheinen ungebetene Zaungäste und geben ungefragt Ratschläge, wie du den Brand besser bekämpfen könntest. Sie bleiben dort stehen oder gehen weiter. Oder sie kommen zu dir ins Haus und richten noch mehr Chaos an.

Wie fühlt sich Muttersein mit traumatischer Vergangenheit an?So geht es Tage, Wochen, Monate, Jahre. Dein Haus ist kein sicheres Terrain mehr, überall gibt es Minenfelder und Brandnester. Alles kann jederzeit wieder hochgehen.

Es sind längst nicht mehr nur die akuten Feuer, die gelöscht werden wollen, sondern es befinden sich ständig irgendwo Glutnester, die innerhalb von Sekunden wieder groß werden und Schaden anrichten können. Und trotzdem sollst du dort in dem ganzen Chaos schlafen, dir Zeit für dich nehmen und vor allem innerlich zur Ruhe kommen. Du kannst es nicht. Brandherde befinden sich im Nebenzimmer und du sollst trotzdem abschalten. Wie soll das gehen?

Du hast vielleicht von der Feuerwache inzwischen psychologische Hilfe bekommen, aber auch sie kann dich nur begleiten, nicht dafür sorgen, dass das Feuer sofort gelöscht, der Einsatz unmittelbar beendet ist.

Die Psychologin rät dir, Platz im Haus zu schaffen, unnötigen Ballast loszuwerden, damit er nicht immer und immer wieder Feuer fängt. Vor allem der Dachboden mit den alten Erinnerungsstücken hätte es nötig, weil dort die eigentliche Brandursache läge. Du fängst an aufzuräumen, ein schier überwältigendes Unterfangen, an einem Ort, dem du früher wenig Beachtung geschenkt hast und du hast kaum Ruhe, das ungehindert tun zu können, denn nebenbei musst du immer wieder Brandnester im Erdgeschoss beobachten oder Feuer in der ersten Etage löschen.

Das Befassen mit den alten Erinnerungsstücken schwächt und stärkt dich abwechselnd in einem unvorhersehbaren Rhythmus, der dich nicht planen lassen kann, wie gut du den nächsten Einsatz bewältigst.

Hinzu kommt: Während andere Feuerwehrkräfte in ihrer Schutzkleidung zu schlafen scheinen, kannst du dir nie sicher sein, ob du deine überhaupt anhast. An Tagen, wo Überjacke und Handschuhe partout nicht auffindbar sind, bist du noch empfindlicher und reizbarer. Du verbrennst dich förmlich an den Flammen und machst trotzdem mit bloßen Händen weiter.

Während anderen Feuerwehrkräften die Hitze des Feuers nichts auszumachen scheint, ja sogar Wärme und Energie schenkt, fühlst du dich den Flammen schutzlos ausgeliefert und dich selbst wie ausgebrannt.

Feuer, das im eigenen Haus brennt und sich auch nach Jahren nicht löschen lässt, damit hattest du vor deiner Ausbildung nicht gerechnet.

Du hast deshalb keinen Abstand, weder räumlich noch emotional zu den Menschen, die der Brand betrifft. Alles prasselt mit emotionaler Wucht auf dich ein. Und obwohl du die psychologische Betreuung in Anspruch nimmst, wirst du nicht für eine Zeitlang aus dem Dienst genommen, sondern musst immer weiter dein Bestes geben, den Brand zu löschen. Das Leben als Feuerwehrfrau muss schließlich weitergehen!

Dein engster Helfer bietet dir die größtmögliche Unterstützung an, meint, du müsstest die Verantwortung nicht alleine tragen. Du bist dankbar für die Hilfe, weißt aber auch, dass du einen Eid geschworen hast, dass du die Einsatzleiterin bist, auf die es ankommt! In der Hoffnung, dass du irgendwann stolz auf dich sein wirst, diesen scheinbar lebenslangen Einsatz geschafft zu haben!

Vielleicht entdeckst du einmalig oder regelmäßig die Notwendigkeit, dir eine Pause zu gönnen und woanders Kraft zu tanken. Anfangs fällt es dir extrem schwer, die Wechselschicht übernehmen zu lassen, immer wieder tauchen Gedanken auf: Ist die Ablöse gut eingearbeitet? Kommen sie mit dem Feuer in meiner Abwesenheit zurecht?

An anderen Tagen überlegst du, gleich fernzubleiben, gar nicht mehr nach Hause zu deinem Einsatzort zurückzukehren. Irgendwo neu anzufangen, wo du keine Feuerwehrfrau mehr sein musst und endlich (wieder) ein ruhigeres Leben führen kannst. Du willst einfach mal wieder durchatmen, regenerieren können, keinen Dauerstress mehr spüren müssen und deinen eigenen Bedürfnissen nachkommen.

Allen anderen Feuerwehrkräften scheint ihr Job Kraft und Zuversicht zu geben, für dich fühlt es sich an wie der direkte Weg in den Burn-Out.

Wie fühlt sich Muttersein mit traumatischer Vergangenheit an?Aber auch nach einem Kurzurlaub oder einer längeren Pause reagierst du extrem empfindlich: Sobald zuhause einer eine Kerze anzündet wirfst du dich in deine Uniform und hältst mit dem dicksten Wasserschlauch auf den Docht.

Jeder potentielle Brandbeschleuniger wird mit Löschdecken beworfen, jedes Ratschen eines Streichholzes lässt deinen Adrenalinpegel in die Höhe schnellen und zum Feuerlöscher greifen. Alle Umstehenden schütteln den Kopf und du schämst dich zutiefst für dieses übertriebene Verhalten.

Es fällt dir schwer, ruhig und gelassen in den Einsatz zu gehen, obwohl dir das Handbuch das damals geraten hat und du selbst es dir genauso vorgenommen hattest.

Mit den Jahren wird es etwas besser. Die Feuer werden vorhersehbarer, deine Schutzkleidung ist an manchen Tagen schon dichter als an anderen und du lernst, mit dem Gerümpel auf deinem Dachboden zu leben, bzw. hast auch schon vieles rausgeworfen, was nicht (mehr) zu dir gehört.

Aber ganz frei von deiner inneren Alarmbereitschaft wirst du wohl erst sein, wenn dein Haus völlig Flammenfrei ist.

Und trotz aller Wehmut, die das Ende deines jahrelangen Einsatzes unmittelbar mit sich bringen wird, sehnst du dich mit jeder Faser deines Körpers nach deinem ersten, richtig tiefen und freien Atemzug nach langer, langer Zeit.

So fühlt sich Muttersein mit Entwicklungstrauma an.

12 Gedanken zu „Wie fühlt sich Muttersein mit traumatischer Vergangenheit an?“

  1. Elle sagt:

    Sehr schön geschrieben. ♥

  2. Tina sagt:

    Wow….ohne Worte:-)

  3. Anne sagt:

    Moin,
    danke für diesen Text.
    Du schreibst oft, bei allen anderen sähe es einfach und mühelos aus. Und es gibt garantiert Mütter, für die Muttersein einfacher ist, weil die Vorraussetzungen besser. Aber die geschätzte Zahl von Menschen mit (Bindungs-)Trauma ist erschreckend hoch. Ich habe sie nicht mehr im Kopf, aber in unserer Generation betrifft es, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, die Mehrheit.
    Schön, dass es dich gibt!
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Christine sagt:

      Moin liebe Anne,

      ich stimme dir übrigens zu, dass garantiert die Mehrheit in unserer Generation von Traumata betroffen sind! Oftmals fühlt es sich trotzdem so an, als ob es bei anderen müheloser zuginge, bzw. wird das Bild nach Außen getragen, so wie ich es in der Öffentlichkeit (ich meine jetzt nicht meinen Blog sondern das reale Leben im Supermarkt und auf der Straße) sicher auch weitestgehend vermittle, weil man sich ja gerne glücklich und positiv gestimmt vor anderen gibt und sich keine Blöße geben möchte.

      Danke für deinen Zuspruch!
      Lg Christine

      1. Anne sagt:

        Hallo Christine,
        ich habe noch niemand getroffen, bei dem der schöne Schein stimmt. Nur massig Mütter, die erleichtert anfingen zu reden, wenn ich den Mut hatte ehrlich von mir zu erzählen, von Tränen und Überforderung und und und.
        Danke, dass du den Mut auch hast.
        LG Anne

      2. Christina sagt:

        Hallo liebe Christine,

        ich musste wieder einmal weinen bei deinen Zeilen!!!! Es tut so gut (ist aber auch furchtbar erschreckend) zu lesen, wie ähnlich die Gedanken, Ängste und Sehnsüchte von uns ist…aber wie bildlich du dies darstellen kannst, um diese Zustände zu beschreiben!!!! Vielen Dank dafür!!!!

  4. Birgit sagt:

    Kann ich nachvollziehen….Muttersein ist eigentlich ziemlich oft ein ziemlich mieser Job, kein Wunder will das Vollzeit kein Mann übernehmen! Viele Mütter flüchten deshalb auch einfach ins Büro, um dort Erfolgserlebnisse zu haben die sie zu Hause nicht hätten. Zuhause ist die Hölle und das Feuer los.
    Und ich bin froh, dass ich die Neandertaler genannt „Kinder“ dann so mit 19/20 ungestraft rauschmeissen darf…..das Gesülze Anderer über harmonisches „Famiiiiiilienleben“ kann ich nicht mehr hören. Kinderhaben ist wie ein Kriegseinsatz mit dem Motto: überleben und geistig halbwegs gesund aus dem Ganzen rauskommen ist alles….

    1. Christina sagt:

      So ein bisschen Galgenhumor ist doch toll!!!!

  5. Julia sagt:

    Danke, liebe Christine für diesen tollen Text. Dieser Vergleich mit der Feuerwehr ist so treffend! Ich kann jedes Wort nachempfinden. Gerade habe ich als Lehrerin Schulanfang mit etlichen Konferenzen und langen Nachmittagen zu Beginn, obwohl ich nur Teilzeit arbeite. Das bedeutet für mich auch Organisieren, um meine Kleine (fast 5) gut unterzubringen. Es bedeutet auch Stress für mich. Da beneide ich wieder die Kinderlosen, die sich nach einem anstrengenden Tag einfach auf die Couch legen und abschalten und sich nur um sich selbst kümmern müssen. Der Kindergarten hat letzte Woche begonnen … und tataaaa …. 1x Kindergarten und eine Kindergeburtstagsfeier und wir schnupfeln schon wieder. Und wir haben noch nicht mal Winter ….. auch hier beneide ich die Kinderlosen …. Die leben sicher sorgenfreier als wir Mütter! Manchmal macht es mich ziemlich fertig, mich so zu fühlen. Ich liebe meine Tochter von Herzen. Aber dieses permanente Gefühl nicht richtig frei zu sein bzw. nicht freier im Kopf zu sein, raubt mir oft kostbare Energie.
    Ehrlich gesagt, leichter ist es mit den Jahren schon geworden. Aber trotzdem freue ich mich darauf, wenn sie älter und noch selbstständiger wird und ich wieder mehr ich sein kann …..

  6. Christine sagt:

    Liebe Christine
    mir geht es oft sehr ähnlich.
    Zum Punkt Schutzkleidung: Da ich oft durch die Geräuschkulisse meiner drei überreizt bin und deshalb extrem anspanne, habe ich mir individuelle Ohrstöpsel machen lassen mit einem Schallschutz von 9DB, so wird etwas gedämmt, ich kann die Kinder aber im Gegensatz zu anderen Ohrstöpseln gut verstehen. Es gibt auch sogenannte Office-Ohrstöpsel, die sind wesentlich günstiger und dämmen auch etwa 10DB. Vielleicht ist das ja auch etwas für dich.
    Liebe Grüße von Christine 😉

  7. Anneke sagt:

    Der Text…wow…!
    Ich habe kein Entwicklungstrauma und trotzdem fühlt sich Muttersein so für mich an, wie du es in dem Text beschrieben hast. Bei mir reicht schon die Hochsensibilität, um das Gefühl zu haben, jeden Tag einen Einsatz im Krisengebiet zu haben. …

  8. Mona sagt:

    Danke es fühlt sich an wie bei mir zuhause genau wie du es beschreibt immer in Stellung überall Geschrei und Getobe.Wahnsinn ich habe zwei Jungs einer ist 9 (ADHS)und der andere 4.Die meiste Zeit ist nur überleben und ich frage mich jeden Tag wieder wie ich das die nächsten Jahre aushalten soll. Dazu diese ganze Verantwortung es fühlt sich an sie als hätte man keine Luft mehr zum atmen. Aber es kann doch nicht sein das man nur wartet und hofft das die Zeit umgeht und die Kinder ausziehen? Irgendwie verrückt das Muttersein

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