Gesellschaft

Hilfe, mein Kind ist nicht hochbegabt


Kennst du zufällig einen Ort, wo es keine hochbegabten Kinder gibt? Wie? Du kennst gar kein hochbegabtes Kind? Wirklich nicht? Dann schau vorsichtshalber noch mal in deiner Krabbelgruppe nach, dort wimmelt es garantiert von kleinen Oberschlaumeiern.

Doch, ernsthaft! Der einjährige Paul wird sicher den Kindergarten überspringen, so ein Überflieger wie er jetzt schon ist und die kleine Lena wurde schon längst zum Ballett angemeldet, auch wenn sie bisher eher den sterbenden Schwan, getarnt als Trotzanfall gab, statt Pirouetten zu drehen, aber das Potential ist doch eindeutig zu erkennen! Wenn auch vorerst nur für den engsten Familienkreis.

Das ist der Grund, warum ich bisher diverse Spiel- und Spaßgruppen großflächig umschifft habe. Ich sag es dir ganz ehrlich und ganz leise, damit es Keiner mitkriegt: Meine Kinder sind ganz normal. Es ist kein Anzeichen einer Hochbegabung zu erkennen. Bitte, falle jetzt vor Schreck nicht in Ohnmacht, ich musste selbst mit dieser Tatsache erst einmal klar kommen. Unser Kinderarzt, der vor ein paar Tagen unseren Maxi zur U7 begutachtete, ahnte sicherlich nicht, was er damit anrichten würde, als er unser Kind mit einem Lächeln auf den Lippen für „völlig normal“ erklärte.

Da musste ich erst mal schlucken. So etwas bekommt man ja nicht alle Tage ganz amtlich mitgeteilt. Wie bitte soll er sich in einem Jahr im Kindergarten behaupten, wenn die Einsteins von morgen neben ihm an der Rechentafel bereits die Relativitätstheorie überprüfen? Ich überlege auch ernsthaft, die Geige wieder einzupacken, denn bisher klang es weder bei Mini noch bei Maxi nach Beethovens Violinromanze. Meine Güte, was kommt da für ein Spießroutenlauf auf uns zu? Werden die Jungs später im Fußballverein ihr Dasein lediglich auf der Ersatzbank fristen? Während Kevin, Tim und Noah vor den Augen ihrer stolzen Eltern mit Fallrückziehern punkten und jeden Elver halten?

Dabei hatte ich mir vor der Geburt alles so schön ausgemalt. Meine Kinder sollten es einmal besser haben als ich. Sie sollten berühmt werden, vielleicht schon als „Deutschlands süßestes Babygesicht“ oder so. Und nicht als ein „Irgendwer“ durchs Leben laufen. Stattdessen kamen Beide mit einem zerknautschten Durchschnittsgesicht auf die Welt. Für mich war es eigentlich selbstverständlich, dass Mini und Maxi von uns nur die besten Gene erben würden, damit ich sie noch aus dem Wochenbett bei diversen Kinderagenturen und Castingshows anmelden könnte. Ein Leben für die Bedürfnisse der Eltern leben, wer wünscht sich das nicht?

Und jetzt muss ich unsere Exoten auf Millionen überdurchschnittlich talentierte Kinder loslassen. Es sei denn, du kennst den Ort, an dem es auch noch andere ihrer Art gibt. Ansonsten kann ich nur beten und hoffen, dass sie wenigstens das Talent ihrer Eltern geerbt haben, vorhandenes Nichtwissen gekonnt zu überlächeln.

4 Gedanken zu „Hilfe, mein Kind ist nicht hochbegabt“

  1. Herzmutter sagt:

    Hallo, nun habe ich es auch mal geschafft einen Gegenbesuch zu starten – wow, einen tollen Blog hast du da, sieht ja hammermäßig aus :) Und die Schreibe gefällt mir auch sehr gut… genau das Thema hat mich auch schon so oft gereizt, die spinnen doch alle mit dem ewigen Vergleichen, was soll das denn. Am krassesten find ich die Mütter, die ihre Kinder frühzeitig zum Laufen zwingen nur um dann zu sagen, „Ja der will das halt schon“. Ja nee, is klar.

    Liebe Grüße, Janina

  2. Arlene sagt:

    Du schreibst so herrlich!
    Lieben Gruß
    Arlene

  3. Gaby sagt:

    Hallo, meine beiden Söhne sind hochbegabt,und zwar haben sie jeder einen IQ von über 130.
    die internationale Definition für Hochbegabung bedeutet, einen IQ von über 130 zu haben.
    ich möchte einmal klar und deutlich dazu schreiben, dass Alles! was über Hochbegabung so behauptet wird, völlig unwahr ist. Diese Kinder, die schon im Kindergartenalter zig Musikinstrumente spielen können oder Primaballerinas sind oder lesen können, sind nicht ! hochbegabt, sondern nur gedrillt. Was es bedeutet, wirklich Kinder mit einem sehr hohen IQ zu haben kann niemand ermessen, der es nicht selbst erlebt. Diese Kinder können das Alles gar nicht, sind sehr schüchtern und zurückhaltend, und werden oft nicht als Hochbegabt erkannt,leiden sehr oft an Depressionen, mein Sohn sagte mir einmal, er wolle sich das Leben nehmen. Hochbegabung ist nicht Hochleistung! es ist ganz anders,es sind völlig andere Menschen, als das, was immer so dargestellt wird.Wer sich anmaßt, sich über Hochbegabung ausdrücken zu müssen, sollte sich bitte erst gut über das sehr komplexeThema informieren.

    1. Christine sagt:

      Liebe Gaby,

      vielen Dank für dein Feedback! Ich fürchte, du hast meinen Beitrag ein wenig missverstanden. Ich wollte mich in keinster Weise über Hochbegabte lustig machen oder mir anmaßen darüber zu urteilen, wie sich deren Alltag und der ihrer Familien gestaltet. Ganz im Gegenteil! Wir mussten uns selbst mehr als einmal mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass unser Ältester möglicherweise hochbegabt ist und dabei haben wir innerlich alles andere als in die Hände geklatscht, weil wir nur erahnen können, wie schwierig sich das Leben als Hochbegabter gestalten muss, wie oft er sich wohl fehl am Platz oder unverstanden fühlt. Deswegen kann ich deine Wut verstehen, wenn Jemand sich leichtfertig zu dem Thema äußert.

      Mein Beitrag ist nun schon vier Jahre alt und ich schrieb den Text damals als kleinen Seitenhieb zu all den übermotivierten Müttern, die ihre Kleinen in jeden nur möglichen Verein stecken und ihnen einen viel höheren IQ beimessen (ohne ihn jemals wirklich haben testen lassen), um in ihrem Nachwuchs etwas besonderes zu sehen (nach dem Motto: „Mein Kind kann ja wohl kein Durchnitts-Normalo sein, weil ich gerne ein hochbegabtes Kind hätte!“ (ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet)). Und ich pflichte dir bei: Drillen hat nichts mit wahrer Hochbegabung zu tun!

      Wie gesagt ist der Text mit sehr viel Ironie zu lesen, weil mir damals die ganzen Mütter auf den Keks gingen, die in ihre Kindern etwas hineininterpretierten, was gar nicht vorhanden war.

      Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und hoffe, dass deine Söhne einen erträglichen Weg finden, mit ihrer Hochbegabung zu leben!
      Viele Grüße
      Christine

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