Gesellschaft

Eltern als ethisches Vorbild oder: Darf mein Kind in den Zirkus gehen?


Das Plakat hing an dem Zaun, direkt gegenüber vom Rathaus. Rot bedruckt mit gelben Lettern leuchtete es mir grell entgegen, so dass es nicht zu übersehen war. Eben ein echtes Zirkusplakat, wie man es sich so vorstellt. Interessiert blieb ich stehen. Waren die Kinder inzwischen nicht in einem Alter, in dem ich den ersten Zirkusbesuch einläuten sollte? Das Wanderzelt versprach ein interessantes Programm. Neben Artisten und Clowns sollten die Besucher des Spektakels auch echte Araber (die Pferderasse versteht sich) in einer atemberaubenden Show erleben. Das klang nach Spaß und Spannung für die Zuschauer, brachte mich aber auch unmittelbar zum Nachdenken.

Tiere im Zirkus? In meinen Ohren klingelte dezent eine Warnglocke, die mich direkt an die Reportage im Fernsehen ein paar Tage zuvor erinnerte, in der ein Reporterteam heimlich die tierischen Zustände in verschiedenen Zoos, Tierparks und Zirkussen aufgedeckt hatte. Und jetzt hatte ich vor, meinen Kindern eine Stunde heile Welt zu ermöglichen, die hintenrum vielleicht gar nicht so heil war? Wo blieb da meine Funktion als ethisches Vorbild?

Ich stieg wieder ins Auto und drehte den Song im Radio etwas lauter, vielleicht, um die lauter werdende Stimme in meinem Kopf zu übertönen, aber das Thema ließ mich nun nicht mehr los. Konnte ich es verantworten, eine Institution zu unterstützen, die ihre Tiere möglicherweise nicht artgerecht hält? Wo beginnt die Vorbildfunktion der Eltern und hört der Spaß für die Kinder auf? Dürften meine Kinder niemals im Leben eine Zirkusvorstellung genießen, weil Mamas Grundprinzipien auf einem wohlwollenden Miteinander von Mensch und Natur basieren? Ich rutschte auf meinem Fahrersitz hin und her. Irgendwie, so merkte ich, zog das Problem weitere Kreise. Es ging hier gar nicht mehr nur um einen banalen Zirkusbesuch.

Wenn es mir wichtig ist, meinen Kindern ein Vorbild in allen Umweltbelangen zu sein, müsste ich inzwischen an jeder Ecke höllisch aufpassen. Zoobesuche wären genauso gestrichen wie Streichelzoos im Vergnügungspark. An der Supermarktkasse dürfte ich keine Plastiktüten mehr anfordern und sowieso würden in meinem Weidenkorb dann nur noch regional und fair angebaute Lebensmittel landen. Beim Klamottenkauf müsste ich tief in die Tasche greifen, um keine Billigjeans aus Indien zu erwischen und Eier dürfte ich nur noch von freilaufenden Hühnern verzehren.

Eltern als ethisches Vorbild oder: Darf mein Kind in den Zirkus gehen?
Ich kam zuhause an, warf den Schlüssel aufs Sideboard und anschließend umgehend einen selbstzufriedenen Blick in den Kühlschrank: Alle Eier im Eierfach waren mit der Kennziffer „0“ markiert. Freilandeier eben. Ein tolles Gefühl, wenn ich an die glücklichen Hühner und mein gutes Gewissen dachte. Bis ich den Tiefkühlkuchen im Eisfach entdeckte und mir allein am Preis schon ausrechnen konnte, dass der Hersteller seine Eier sicher nicht beim Biobauern bestellt hatte.

Mit einem Seufzer der Ernüchterung und einer Tasse Kaffee (natürlich mal wieder nicht Fairtrade, wie ich schuldbewusst vor mir selbst einräumen musste) schmiss ich mich auf die Couch. Wie konnte ich meinen Kindern beibringen, nachhaltig und im fairen Einklang mit der Natur zu leben, wenn die Lebensumstände solch einen Idealzustand gar nicht hergaben? Völlig ausschließen kann man in unserer globalisierten Zeit wohl nicht mehr, dass man nicht irgendwo Produkte von schlecht bezahlten Herstellern bezieht (und sei es nur der Knopf an der Jeans oder das Gehäuse vom begehrten Smartphone) oder Fleisch aus Massentierhaltung zu sich nimmt.

Also jegliche erworbene Produkte wegschmeißen, zum Veganer werden und das eigene (ungespritzte) Gemüse hinterm Haus im Garten anbauen? Nur noch selbstgenähte Kleidung von der eigenen Baumwollplantage tragen? Oder als krassen Gegensatz dazu doch Zirkuskarten besorgen und gequälte Tiere einfach als Bestandteil unserer Zeit hinnehmen?

Eltern als ethisches Vorbild oder: Darf mein Kind in den Zirkus gehen?
Ich ließ meine Gedanken wieder zu meiner Familie und unserer derzeitigen Lebenssituation wandern. Nein, zum Veganer mutieren stand gerade nicht auf meiner Liste. Genauso wenig wie aufs Notebook und damit auf meinen Mama Blog zu verzichten. Und während ich mir ein bequemes Kissen (garantiert nicht 100% Made in Germany) in den Nacken legte, versuchte ich mir eine Zukunft in zehn Jahren auszumalen, in der meine pubertierenden Söhne von ihren Freunden mit großen Augen und offenen Mündern angestarrt werden: „Wie, ihr ward noch nie in eurem Leben im Zirkus und habt noch keinen Zoo von innen gesehen?!“ Wobei ich bei diesem Gedanken sofort wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht wurde, immerhin waren wir und diverse Verwandte mit unserem Nachwuchs schon im Zoologischen Garten gewesen. Und das sogar ganz ohne schlechtes Gewissen!

Nein, komplett einschränken möchte ich mein Leben und das der Kinder auch in Zukunft nicht. Auch wenn wir bewusst Freilandeier und Fleisch aus artgerechter Haltung kaufen. Zirkusbesuche und ein Tag im Zoo sowie selbstgekaufte Torte mit Eiern aus Bodenhaltung dürfen meines Erachtens drin sein. Ich finde, entscheidend ist das Bewusstsein, in dem man das Ganze macht. Dann eben den Zirkus ohne Tierattraktionen wählen oder Zoobesuche nur einmal im Jahr als Highlight stattfinden lassen. Öfter mal den Jutebeutel zum Einkaufen mitnehmen, dafür aber ohne schlechtes Gewissen ab und an in den Cheeseburger beißen. Jeder Einzelne von uns kann vielleicht nicht die Welt retten, aber mit dem richtigen Bewusstsein für unseren Planeten und seine Bewohner können wir als Vorbild für unsere Kinder den Blick auf einen achtsameren Lebensstil lenken.

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