Gesellschaft

Arbeit als Ausrede? Wenn Mamasein nicht genug ist

Villa Schaukelpferd-Klassiker


„Und dann fragte sie mich, was du denn beruflich machst.“ Meine Mutter schenkte mir gerade die zweite Tasse Tee ein, vielleicht in der Hoffnung, dass der Geruch von frischer Minze beruhigend auf mich einwirke, während sie mir vom Besuch bei ihrer Bekannten erzählte. Im erwähnten Gespräch kamen die beiden Frauen auf die Betreuungszeiten zu sprechen, die meine Mutter wöchentlich für ihre Enkel, sprich meine Kinder, einplant. Da der Bekannten dies ziemlich viel vorkam, stellte sie ebenjene Frage, auf die sie wahrscheinlich als Antwort Leiterin einer Werbeagentur, Dipl.-Ingenieurin in Vollzeit oder wenigstens Astronautin, auf jeden Fall einen Fulltimejob mit horrenden Arbeitszeiten erwartete. Der verständnisvolle Blick wich wohl einem ungläubigen Gesichtsausdruck, als meine Mutter ihrerseits berichtete, dass ich in Elternzeit und –Gott bewahre!- die meiste Zeit des Tages Zuhause sei.

Dass eine Mutter früh nach der Geburt wieder arbeiten gehen will, ist im Gegensatz zu den 1950er Jahren heute kein Problem mehr. Nicht nur, dass es kein Problem mehr für die Männerwelt ist, es wird auch gesellschaftlich hoch angesehen, wenn die Frau freiwillig und nicht (nur) aus finanziellen Gründen beschließt, Wickeltasche gegen Aktenmappe und Hauspantoffeln gegen Businesspumps zu tauschen. Eine Frau, die nach ein paar Monaten Kinderbespaßung den alten Job vermisst, wird nur allzu willig wieder aufgenommen und das Kind währenddessen in der Kindertagesstätte betreut. Natürlich ist das nicht das Nonplusultra für alle Mütter. Viele bleiben gerne drei Jahre zuhause und warten mit dem Jobeinstieg, bis das Kind in der Trotzphase angelangt ist. Selbstredend bleiben sie Zuhause, sind Hausfrau, Babysitter und Köchin in einer Person und vermissen nichts dabei.

Arbeit als Ausrede? Wenn Mamasein nicht genug ist
Ich wollte auch immer so eine Mutti sein. Die die Elternzeit in vollen Zügen genießt und rund um die Uhr für ihre Kinder da ist. Pausenlos mit ihnen spielt, durch Wald und Flur springt und Pflaster auf aufgeschrammte Kniescheiben klebt. Frauen, die Kinder in die Welt setzen, um sie gleich wieder fremdbetreuen zu lassen, konnte ich damals nicht verstehen. Und dann kamen meine Kinder auf die Welt und ich merkte schnell, wie sehr ich mit Dutzi-dutzi-Trallala-Getue überfordert war. Dem 24-Stunden-Mutter-Notdienst, den ich Mini und Maxi daheim einrichten wollte, konnte ich nicht gerecht werden.

In meinem letzten Artikel „Will man als Mama jede Sekunde mit seinem Kind verbringen?“ habe ich ausführlich davon berichtet, warum ich meine Kinder nicht nonstop um mich haben kann. Ich brauche meine Zeit zum Auftanken. Und für die Zeit haben sich die Großeltern meiner Jungs gerne dazu bereit erklärt, die Betreuung zu übernehmen. Je nach aktueller Lebenssituation kann das auch schon mal öfter in der Woche vorkommen. Auch, oder vielleicht gerade weil ich in meiner Elternzeit den ganzen Tag über zuhause verbringe?

Ich bin in der glücklichen Position, dass mein Mann der Ernährer der Familie ist und ich nicht gezwungen bin, einem Job nachgehen zu müssen. Und gerade deswegen habe ich oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, wenn ich meine Kinder fremdbetreuen lasse. Wer arbeitet, erntet Verständnis: „Klar, dass deine Tochter schon so früh in die KiTa geht, du musst ja arbeiten.“ Ich denke, dieses Bewusstsein prägt unsere Gesellschaft. Wer dagegen keiner Arbeit nachgeht, scheint auch keinen Grund zu liefern, sein Kind täglich der Oma zu überlassen oder den Sohn, die Tochter erst nachmittags aus dem Kindergarten abzuholen. Wer sein Kind freiwillig abgibt, wird schnell als Rabenmutter deklariert.

Dabei urteilen wir meines Erachtens viel zu schnell, ohne die wahren Hintergründe zu kennen. Ist die Mutter vielleicht einfach nicht so glücklich in ihrer Mutterrolle? Ist sie womöglich mit der Erziehung überfordert und froh, professionelle Hilfe wie den Kindergarten oder eine Tagesmutter ermöglicht zu bekommen? Wer dagegen arbeiten geht, fällt aus dem Bewertungsschema in der Regel raus. Hier tut Jemand pflichtbewusst etwas für die Gesellschaft und sorgt obendrauf noch gut für seine Familie.

Arbeit als Ausrede? Wenn Mamasein nicht genug ist
Wie viele Mütter gehen in unserer Gesellschaft wohl schnell zurück in den Job, weil sie froh sind, einen „triftigen“ Grund (auch vor sich selbst und ihrem schlechten Gewissen gegenüber!) zu haben, vor dem Kindergeschrei zuhause mal flüchten zu können? Ich spreche nicht von den Müttern, die aus finanziellen Gründen, etwa, weil allein erziehend, dazu gezwungen sind, arbeiten zu gehen. Ich rede von den Müttern, die mehr oder weniger bewusst in ihren Job flüchten, um sich nicht den ganzen Tag mit ihrem Zweijährigen über Pupsi-Knete unterhalten oder nur zwischen Herd und Wickeltisch pendeln zu müssen. Warum müssen solche Mütter den Job als Ausrede suchen, anstatt offen zugeben zu dürfen, dass sie mit der permanenten 24-Stunden-Mutterrolle überfordert oder unterfordert sind, ohne schief angeguckt zu werden?

Schauen wir uns nur die Väterwelt an. Wer würde einen Vater als Rabenvater bezeichnen, nur weil er zehn Stunden am Tag im Büro sitzt und von den Kindern unter der Woche nicht mehr als einen Gutenmorgen- und Gutenachtkuss mitbekommt? Umgekehrt sind es dann die Heldenpapas, die freiwillig Elternzeit beantragen oder sich einen halben Tag frei nehmen, wenn das Kind zum Arzt muss. Ist doch verrückt.

Arbeit als Ausrede? Wenn Mamasein nicht genug ist
Verstehe mich nicht falsch. Ich will keine Mutter und keinen Vater anklagen. Ich klage das System unserer Gesellschaft an. Die Überromantisierung, die noch in vielen Köpfen feststeckt, dass alle Mütter durch die Bank weg selbstvergessen nur noch für ihre Kinder leben und sich selbst dabei zurückstecken, wenn sie zuhause bleiben, während die Männer selbstredend ihr altes Leben weitestgehend weiterleben dürfen. Ich denke jede Mutter will nur das Beste für ihre Kinder und Jede macht es eben so gut sie es kann. Aber sie darf sich selbst dabei als Frau nicht vergessen. Und das sollte Jeder uneingeschränkt akzeptieren.

8 Gedanken zu „Arbeit als Ausrede? Wenn Mamasein nicht genug ist“

  1. SilkeAusL sagt:

    Danke.Danke, danke, danke, Du sprichst von mir, oder ;-) ?
    Genau so ist/war es bei mir. Schön mit den beiden Nachkömmlingen die Elternzeit „genießen“ und faulenzen. Wenn die Kinder noch ganz klein sind, schlafen sie ja sowieso den ganzen Tag. Und dann kommt ja noch der Mittagsschlaf…hahaha…Was machst DU denn den ganzen Tag?!
    Das mit dem Schlafen hat wohl bei der Zweiten so auch gestimmt-aber da war auch noch eine nur eineinhalb Jahre ältere Schwester, die am liebsten rund um die Uhr beschäftigt werden wollte!
    Sozialleben außerhalb dieser Welt?Wat is dat? Freunde? Hä? Gespräche, wo nicht unbedingt die Kinder drin vor kommen???
    Seit einem Jahr gehen nun BEIDEN in die Kita. In Vollzeit. Pfui, Rabenmutter ich. Und gehe NICHT sofort nach Eintritt wieder arbeiten.
    Wieder die Frage:“Was MACHST du denn den ganzen Tag?“ Ein „mich ein bisschen um MICH kümmern“ mag man gar nicht in den Mund nehmen. Erwähnt man, man war ein bisschen in der Stadt(und hat natürlich größtenteils wieder nur Kinderkleidung gekauft), war man gleich „shoppen“, und „DU hast ja Zeit!“.
    Also bin auch ICH wieder seit Juni in den Beruf geflüchtet, nach vier Jahren Zwangspause.
    Und ich genieße es!
    Auch wieder Rabenmutter!
    Wie man es macht, ist es sowieso verkehrt!

    1. Christine sagt:

      Hallo Silke,

      es freut mich, dass ich deinen Nerv getroffen habe, wenngleich du schon recht haben magst: Irgendwie kann man es Niemandem recht machen, egal für was man sich in diesem Fall entscheidet. Deswegen bin ich sehr froh zu lesen, dass du mit der jetzigen Situation absolut zufrieden bist. Ich bin sehr gespannt, wie es bei mir sein wird, wenn auch der Mini in den Kindergarten geht und ich „noch mehr Zeit zum Rumgammeln“ habe. Du hörst dann sicher von mir…
      Lieben Gruß von Rabenmutter zu Rabenmutter ;-)

  2. Daija sagt:

    Ich bin ja so eine Mutter, die lieber wieder arbeitet (wenn auch Teilzeit). Wenn ich mit jemandem darüber spreche, gebe ich zu, dass ich so eine bessere Mutter bin. Muss ich zugeben, dass ich in einer 24-Stunden Mutterrolle überfordert oder unterfordert bin?
    Männer dürfen doch auch selbstverständlich im Büro herumhocken, ohne dafür irgendwas zuzugeben. Verstehste, was ich meine?

    1. Christine sagt:

      Liebe Daija,

      willkommen auf meinem Mama Blog und ja, ich verstehe absolut was du meinst und verstehe dich total!
      Es ist schon erschreckend, wie sehr wir Mütter (und Frauen wie so oft im Allgemeinen) uns schuldig fühlen oder denken, uns rechtfertigen zu müssen, wo Väter (oder auch Männer in der Regel) sich gar keinen Kopf machen. Schön, dass du die Einstellung, nichts zugeben zu müssen, hast und auch vor Anderen vertrittst!
      Liebe Grüße

  3. Rosalie sagt:

    Ich kann dich sehr viel besser verstehen, als du denkst, denn dies Situation kenne allzu gut.
    Aber weißt du, was ich gemerkt hab in alle der ‚freien‘ Zeit allein zu Hause? Dass ich da keineswegs dumm rumsitze und meine Zeit verplempere. Um sich Gedanken zu machen braucht man nunmal viel Zeit und Muse. Etwas, was in unserem Leben eigentlich gar nicht mehr vorgesehen ist. Wir sollen alle Kreativ sein und uns dann 3x die Woche 1 Stunde beim Sport mal so richtig entspannen und abschalten und auftanken. Damit wir am nächsten Tag mal flott wieder das Rad neu erfinden können.

    Klar ist das totaler Quatsch. Aber weißt du, was du hast? Du hast super doll diesen Glück, dass ihr euch als Familie das leisten könnt. Du bist eine der doch recht wenigen Mütter, die die Gelegenheit bekommen in Ruhe sich und die Kinder und den Mann und die Familiensituation und den Umgang miteinander zu reflektieren. Und deine Familie – vornehmlich deine Jungs – werden davon extrem profitieren.

    Klar ist dann wieder arbeiten und eine fette Überweisung auf dein Konto am Monatsende auch irgendwann wieder schön. Aber alles hat seine Zeit und alles soll auch seine Zeit bekommen. Also nimm dir die Zeit und setz dich mit dir und deiner Familie wirklich auseinander, so wie du es ja tust. Dass du dann auch ganz für deine Kinder da sein kannst, sie verstehen kannst und ihnen ihr eigenes Leben zugestehen kannst, ist so viel mehr wert, als die Betreuungsdiskussion je hergeben wird. Nachdenken ist die eigentliche Arbeit im Leben. Und es wird sich auszahlen.

    1. Christine sagt:

      Danke dir, liebe Rosalie!

  4. Barbara sagt:

    Danke, danke, für deinen Beitrag! Mir ging es vor meinem Kleinen ganz gleich. Ich wollte auch die überall propagierte Über-Mama sein, die gerne soviel Zeit wie möglich, am besten jede Minute des Tages mit seinem Kind verbringt, bastelt, singt, nebenher noch kocht und einfach Spaß am Mamasein hat.

    Die Realität sah dann aber ziemlich schnell ganz anders aus. Mir war anfangs sogar ziemlich langweilig mit dem Baby. Es verschlief sowieso den halben Tag und den Rest des Tages wollte es auch lieber seine Ruhe. Mein Tag bestand aus Haushalt (der dann auch bald mal erledigt ist wenn man viel Zeit hat), Spaziergänge mit dem Kinderwagen und Herumgammeln daheim. Ungeduldig hab ich immer den Feierabend meines Mannes herbei gesehnt, damit ich wenigstens dann jemanden zum Reden hatte. Meine Eltern wohnen 1 Std. entfernt – also einfach mal so auf einen Sprung vorbeischauen war nicht drin – und auch meine Freundinnen waren weiter weg oder haben sowieso gearbeitet.

    Nach 4 Monaten bekam ich die Chance wieder geringfügig (ca. 3 Tage im Monat) in meinem Job anzufangen. Ich liebe meinen Job und war gleich Feuer und Flamme. Anfangs hatte ich Angst meinem Mann davon zu erzählen, weil ich nicht genau wusste wie er darauf reagieren würde, aber er hat sich gleich total für mich gefreut und mich bestätigt das zu machen. Also begann ich, als der Kleine 4 Monate alt war, wieder für ein paar Tage im Monat zu arbeiten. Junior war 2 Tage bei Oma und 1 Tag im Monat nahm sich mein Mann als „Papatag“ frei. Es war für alle eine Win-Win-Situation.

    Ich glaube ohne diese paar Tage arbeiten wäre ich während der ersten 2 Jahre eingegangen. Jedes Monat habe ich mich schon furchtbar drauf gefreut.

    Seit er 2 Jahre alt ist arbeite ich nun wieder in Elternteilzeit. Montag bis Donnerstag Vormittag und der Kleine geht die ganze Woche vormittags in die Kinderkrippe. D.h. freitags habe ich am Vormittag wirklich „frei“ und die ganze Woche freue ich mich schon immer auf diesen Tag. Mittlerweile ist es nämlich nicht mehr langweilig mit Junior sondern ziemlich anstrengend. Gott sei Dank schläft er nachmittags nach der Krippe dann daheim und ich habe wenigstens ein wenig Zeit für mich um neben Arbeit und Kind aufzutanken.

    Trotzdem merke ich manchmal wie ich auf die Uhr schaue und mir denke: oje, bald wird er aufwachen… Dann habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, denn wie kann es sein, dass ich mich nicht auf ein Zusammensein mit ihm freue, sondern es manchmal eher als lästige, anstrengende Pflicht empfinde?

    Wenn es wieder einmal soweit ist habe ich Gott sei Dank die Möglichkeit meine Mutter anzurufen um ihn mal wieder für 1-3 Nächte zu Oma und Opa zu schicken. Da weiß ich, dass es ihm sehr gut geht und auch meine Eltern freuen sich immer über seinen Besuch. Diese Auszeiten bei Oma und Opa kommen ca. 1x pro Monat vor und es hat jeder etwas davon. Deshalb habe ich hier auch kein schlechtes Gewissen. Außerdem bleibt er es gewohnt manche Nächte wo anders zu verbringen und wir haben nie Probleme damit wer ihn ins Bett bringt oder wo er gerade schlafen soll.

    Liebe Grüße,
    Barbara

    1. Christine sagt:

      Liebe Barbara,
      ich freue mich, dass du „guten Gewissens“ wieder arbeiten gehen konntest (kannst) und auch die Unterstützung deines Mannes in der Hinsicht hast! Ich glaube das ist nicht selbstverständlich.
      Ich kenne aber auch diese Gedanken mit dem Auf-die-Uhr-schauen und die anschließende Kinderbetreuung mehr als Pflicht denn als Erfüllung zu sehen. Schön, wenn du dann auch die Notbremse ziehen und ihn bei deinen Eltern lassen kannst! Und wie du schon sagst, ist es ja für alle drei Parteien eine schöne Abwechslung :)
      Liebe Grüße
      Christine

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